13.10.2014
| Prof. Dr. Roger Berger

Nachruf auf M. Rainer Lepsius

Was das Institut ihm zu verdanken hat  –  zum Tod von M. Rainer Lepsius

Am 2. Oktober 2014 starb der Heidelberger Soziologieprofessor M. Rainer Lepsius. Mit ihm verlieren die deutschen Sozialwissenschaften vielleicht den bedeutendsten Repräsentanten ihrer Zunft  nach dem zweiten Weltkrieg.

Seine brillanten Beiträge zur charismatischen Herrschaft, zur Nationalstaatenbildung oder zum Begriff des Milieus sind bis heute anregend und beispielgebend für Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen. Herausragend sind seine Arbeiten zu Max Weber, dem er einen großen Teil seines wissenschaftlichen Lebens gewidmet hat: Seit 1975 war er Mitherausgeber einer kritischen Max-Weber-Gesamtausgabe.

An dieser Stelle soll aber nicht das herausragende wissenschaftliche Lebenswerk von Lepsius gewürdigt werden, sondern sein großes Engagement für die und bei der Neugründung des Instituts für Soziologie an der Universität Leipzig.

Dieser Soziologe, der am 8. Mai 1928 in Brasilien geboren wurde, war ein Weltbürger –seine Lebensdaten und –stationen belegen das. Dies und seine familiären Wurzeln waren mitentscheidend, dass er auch während der Teilung den Blick auf und das Interesse an dem anderen Teil Deutschlands nie verlor.

Schon vor der Wiedervereinigung besuchte er Leipzig. In seinem damaligen Vortrag formulierte er Gedanken, wie er sich die institutionelle Entwicklung der Soziologie im Osten vorstellen könnte. Dass es sich dabei nicht um theoretische Glasperlenspiele handelte wurde sofort klar, als er den Leipziger Kollegen die Unterstützung bei der Ausarbeitung neuer Lehrpläne und Forschungskonzeptionen anbot.

Durch seine Initiative und seinen Einfluss wurden Geldmittel zur Verfügung gestellt, die es DDR-Soziologen erstmals in sehr großer Anzahl ermöglichten, im Oktober 1990 am 25. Deutschen Soziologentag der DGS in Frankfurt am Main teilzunehmen.

In diesen Frankfurter Kongresstagen und bei einem Besuch des Wissenschaftsrates am 8. Dezember in Leipzig wurde mit Rainer Lepsius weiter an den „Perspektivplänen“ für ein zukünftiges Institut für Soziologie an der alma mater lipsensis gearbeitet. Durch den Abwicklungsbeschluss der sächsischen Landesregierung erwiesen sich jedoch alle diese gemachten Gedankengänge als obsolet. Gründungskommissionen sollten die Arbeit übernehmen. Wir riefen Neujahr bei Lepsius in Weinheim an und baten ihn, ein solches Gremium zusammenzustellen. In seiner unnachahmlichen Art antwortete er: „Der Osten raubt mir noch meine letzten Haare“. Zwei Stunden später kam der Rückruf: „Die Kommission steht.“ und er betonte: „Es sind alles Kollegen, die kein Eigeninteresse verfolgen, sondern nur dem Wohl der Disziplin verpflichtet sind“.

Vorsitzender dieser Gründungskommission wollte er nicht werden: „Ich habe für Leipzig einen besseren Vorsitzenden vorgesehen.“ Er etablierte Wolfgang Schluchter, einen Heidelberger Kollegen, auf dieser Position. Selber blieb er aber Mitglied dieses Ausschusses, der sowohl hocheffizient als auch sehr kollegial arbeitete und als erste aller abgewickelten Einrichtungen dem Rektorat die Gründungsdokumente für ein neues Institut vorlegte.

Seine Entscheidung, den Vorsitz der Gründungskommission nicht zu übernehmen, war keine Entscheidung gegen Leipzig, sondern eine Entscheidung für die Soziologie im Osten überhaupt. Er kämpfte dafür, dass nach den Zeiten der „Wende“ die Soziologie in den neuen Bundesländern flächendeckend erhalten bleiben sollte. Lepsius suchte die Hochschulen von Rostock über Berlin bis Dresden auf, organisierte Konferenzen und übernahm dazu noch den Vorsitz einer Gründungskommission an der Martin-Luther-Universität in Halle. Auch wenn nicht alle Vorstellungen/Wünsche in Erfüllung gingen: Dass es im Osten eine „blühende Soziologielandschaft“ gibt, ist zu einem entscheidenden Teil ihm zu verdanken.

M. Rainer Lepsius war ein bedeutender Gelehrter. Vier Semester faszinierte er die Leipziger Studenten mit seiner Vorlesung zur Sozialstruktur. Er war aber auch ein großer Wissenschaftsorganisator. Sein enzyklopädisches Wissen, seine persönliche Ausstrahlung, sein Charme und sein spezieller Humor machen ihn jenen, die mit ihm in Leipzig zusammenarbeiten durften, unvergessen.

M. Rainer Lepsius verkörperte den Typ des klassischen Bildungsbürgers wie man ihm heute nur noch selten begegnet. Das Institut für Soziologie der Universität Leipzig trauert um einen großartigen Menschen und bedeutenden Repräsentanten seines Fachgebiets.

Professor Dr. Steffen Wilsdorf, Mitglied der Gründungskommission des Instituts für Soziologie

Professor Dr. Roger Berger, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Soziologie