Institut für Soziologie

Soziologie in Leipzig – Ein historischer Überblick

Vorgeschichte

Die Universität Leipzig feierte 2009 ihr 600jähriges Bestehen und ist die
zweitälteste deutsche Universität. Die Namen vieler berühmter Gelehrter sind mit der
Universität Leipzig verbunden. So wurde der Philosoph und Mathematiker Gottfried Wilhelm
Leibniz (1646-1716), der – neben Newton und anderen – Schöpfer des „Calculus“
(Differential- und Integralrechnung) war, in Leipzig (als Sohn eines an der Universität
lehrenden Juristen) geboren und absolvierte hier sein Studium.

Die Universität hatte bis ins beginnende 20. Jahrhundert eine große internationale
Ausstrahlung. Für ambitionierte Studenten und Wissenschaftler aus aller Welt war es
selbstverständlich, ihre Studien in Deutschland und insbesondere auch in Leipzig abzurunden.
Zwei Klassiker der Soziologie haben Studienaufenthalte in Leipzig verbracht, nämlich der
Franzose Émile Durkheim (1858-1917) und der Amerikaner George Herbert Mead (1863-
1931). Beide wurden wohl vor allem angezogen von Wilhelm Wundt (1832-1920), der in
Leipzig Philosophie lehrte. Wundt (ursprünglich Mediziner und Physiologe) war ein
vielseitiger Gelehrter, der als Wegbereiter der empirisch-experimentellen Psychologie gilt.
Wundt befasste sich unter anderem mit Fragen der Ethik und „Völkerpsychologie“. In
wissenschaftstheoretischer Hinsicht ist eine Ablehnung „reduktionistischer“ Erklärungen (die
psychische Phänomene durch physiologische Mechanismen erklären) charakteristisch für die
Auffassungen Wundts. In seinen psychologischen Arbeiten konnte Wundt anknüpfen an die
ebenfalls in Leipzig tätigen Forscher Carl Gustav Fechner (1801-1887) und Ernst Heinrich
Weber (1795-1878), die das Weber-Fechnersche Gesetz der Psychophysik beschrieben haben.
Émile Durkheim, der in Frankreich den ersten Lehrstuhl für Soziologie bekleidete, bezieht
sich in seiner einflussreichen Monographie De la division du travail social (Über soziale
Arbeitsteilung) von 1893 auf diese Gesetzmäßigkeit, um ein (aus heutiger Sicht nicht ganz
schlüssiges) Argument zur Widerlegung „utilitaristischer“ Erklärungen gesellschaftlicher
Wandlungsprozesse zu formulieren. (Übrigens hat auch Max Weber eine Abhandlung über
Psychophysik und das Weber-Fechner-Gesetz verfasst.) Wundt war in Leipzig zentraler
Akteur innerhalb eines informellen Kreises von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen,
die sich auch für Kulturgeschichte und Moralbegründung interessierten und ein für die
Etablierung eines eigenständigen soziologischen Lehrbereichs günstiges intellektuelles Milieu
vorbereiteten.

Weitere bekannte Leipziger Namen waren der Chemiker Wilhelm Ostwald (1853-1932), der
sich auch zu naturphilosophischen und kulturwissenschaftlichen Themen äußerte, oder der
Historiker Karl Lamprecht (1856-1915), der sich mit Fragen der Universalgeschichte
beschäftigte. In Leipzig wirkten mit Wilhelm Roscher (1817-1894) und Karl Bücher (1847-
1930) einflussreiche Vertreter der „historischen Schule“ der Nationalökonomie. Max Weber
(1864-1920), der die Soziologie wie kaum ein zweiter deutschsprachiger Autor nachhaltig
prägte, entwickelte eigene Ideen zur Methodologie und „Wissenschaftslehre“ auch in
kritischer Auseinandersetzung mit Auffassungen der „historischen Schule“, namentlich
Roschers. Die sozialwissenschaftliche Fragen im weitesten Sinn berührenden Auffassungen
der Leipziger Oswald, Wundt und Lamprecht hat Max Weber ebenfalls kritisch kommentiert.
Weber stand den von einigen der Leipziger geschätzten Ganzheits- und Systemphilosophien
sowie der Vermengung von Wert- und Tatsachenaussagen sehr kritisch gegenüber.
Umgekehrt wurde Webers „zergliedernder“ individualistischer Ansatz einer akteurzentrierten
Sozialwissenschaft in Leipzig skeptisch gesehen.

 

Weimarer Republik und NS-Herrschaft (1925-1945)

Arbeiten von Wissenschaftlern der Universität Leipzig waren also nicht ohne Einfluss auf die Entwicklung der modernen Soziologie. Diese Impulse gingen jedoch nicht von Soziologen im eigentlichen Wortsinn aus. 1925 wurde Hans Freyer (1887-1969) zum ersten ordentlichen Professor für Soziologie und Direktor des Instituts für Soziologie in Leipzig berufen. Der Lehrstuhl trug als erste Professur in Deutschland die Denomination Soziologie ohne Beiordnung eines weiteren Fachs. Freyer wurde durch die deutsche Jugendbewegung beeinflusst und hatte in Leipzig unter anderem bei Wilhelm Wundt und Karl Lamprecht studiert, wurde hier promoviert und habilitiert. 1933 wurde Freyers Institut in ein „Institut für Kultur- und Universalgeschichte“ eingegliedert. In der Zeit von 1938 bis 1945 war Freyer in Budapest tätig und Leiter eines „Deutschen Kulturinstituts“.

Freyers Werk, das überwiegend kulturgeschichtlich und zivilisationskritisch orientiert und durch die Philosophie Hegels beeinflusst ist, wird heute nur noch selten rezipiert. Neben der geisteswissenschaftlichen Ausrichtung der „deutschen Soziologie“ Freyers, die mit der empirischen Soziologie der Gegenwart nicht kompatibel ist, trägt dazu sicher auch Freyers problematische Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus bei. Freyer, der in der Weimarer Zeit den rechtsgerichteten und antidemokratischen „konservativen Revolutionären“ nahe stand, und die meisten übrigen Mitstreiter der Leipziger Soziologie wählten in der NS-Zeit nicht den Weg der Emigration, sondern der mehr oder weniger aktiven Anpassung an die neuen Machthaber und Machtstrukturen. Im Unterschied zu jüngeren Vertretern der Leipziger Soziologie war Freyer allerdings kein Mitglied von NS-Organisationen, was nach 1945 seine kurzzeitige Rückkehr an die Universität Leipzig erleichterte.

Neben Freyer gelten Arnold Gehlen (1904-1976) und Helmut Schelsky (1912-1984) als wichtige Exponenten einer manchmal als „Leipziger Schule der Soziologie“ bezeichneten Strömung. Gehlen promovierte in Leipzig bei dem Philosophen und Entwicklungsbiologen Hans Driesch (1867-1941), der durch naturphilosophische Arbeiten (z.B. Philosophie des Organischen) bekannt ist, in denen er reduktionistische bzw. „mechanistische“ Erklärungsversuche biologischer Prozesse (z.B. der ontogenetischen Entwicklung einfacher Organismen) verwirft und im Sinn eines holistischen Neovitalismus Wirkungen irreduzibler autonomer Kräfte („Entelechie“) postuliert. Gehlen, dessen rasante akademische Karriere durch Mitgliedschaft und Funktionen in einschlägigen NS-Organisationen (z.B. NS-Dozentenbund) sicher nicht gebremst worden ist, wurde – nach einer Zeit als Assistent von Hans Freyer – 1934 Nachfolger seines Lehrers Driesch auf einem Philosophie-Lehrstuhl am Institut für Kultur- und Universalgeschichte der Universität Leipzig. Sein Werk Der Mensch, das als wichtiger Beitrag zur philosophischen Anthropologie gilt, erschien zuerst 1940. In späteren Auflagen nach 1945 wurde es von Passagen gesäubert, die als Bekenntnisse zur nationalsozialistisch-völkischen Ideologie gedeutet werden können. Arnold Gehlens Anthropologie und seine Institutionenlehre, die anthropologisch begründet wird (Menschen sind aus biologischer Sicht „Mängelwesen“, Institutionen dienen der „Entlastung“ von Entscheidungskomplexität), wird bis heute zitiert und hat Spuren in verschiedenen neueren Beiträgen zur soziologischen Theorie (z.B. in Luhmanns Systemtheorie oder in der phänomenologischen Soziologie) hinterlassen. Helmut Schelsky wurde als junger Student in Leipzig entscheidend durch Gehlen geprägt, dem er – nach einer Promotion 1935 in Leipzig – 1938/39 als Assistent nach Königsberg folgte (Gehlen hatte dort von 1938 bis 1940 den philosophischen Lehrstuhl Kants inne). 1941 war Schelsky Assistent Freyers in Budapest. Schelsky, als junger Mann ein Anhänger der NS-Ideologie, machte in der bundesdeutschen Soziologie schnell Karriere. Nach einer 1947 erfolgten „Entnazifizierung“ und einer Zeit als Professor in Hamburg wurde er 1960 an die Universität Münster berufen. Gleichzeitig wurde er Leiter der Sozialforschungsstelle in Dortmund, die der Universität Münster angegliedert war. Schelsky war Autor einer Reihe vielgelesener soziologischer und zeitdiagnostischer Schriften und prägte Begriffe, die zeitweise als populär-soziologisches Gemeingut zirkulierten (z.B. „skeptische Generation“, „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“). Schelsky war vor allem wissenschaftspolitisch sehr einflussreich – besonders in Nordrhein-Westfalen. Unter seiner Führung entstanden an der Sozialforschungsstelle in Dortmund nicht nur zahlreiche in der Nachkriegssoziologie bekannte empirische Studien, sondern es fanden auch mehrere politisch-ideologisch belastete Kollegen (z.B. der ebenfalls der Leipziger Schule zugerechnete Gunther Ipsen) zeitweise Unterschlupf und Auskommen. Darüber hinaus wurden von Schelsky aber auch vielversprechende Nachwuchskräfte (wie etwa Niklas Luhmann) gefördert. Schelsky hatte starken Einfluss auf die Gründung und den Aufbau der Universität Bielefeld mit ihrer groß dimensionierten Fakultät für Soziologie. Nicht nur in Gestalt von Schelsky, sondern auch durch Freyer (1953 bis 1963 als Emeritus in Münster lehrend) und Gehlen (zuletzt RWTH Aachen) waren Vertreter der Leipziger Schule in die Entwicklung der bundesdeutschen Nachkriegssoziologie involviert. René König (1906-1992), der die NS-Zeit als Emigrant in der Schweiz verbrachte, und andere Vertreter einer (im Sinn Max Webers) werturteilsfreien, empirischen Soziologie aus der „Kölner Schule“ haben die Aktivitäten der ehemaligen Leipziger und einiger ihrer Schüler, die wichtige Lehrstühle besetzen konnten, allerdings kritisch gesehen. Diese Kritik richtete sich nicht nur auf persönliche ideologisch-politische Verstrickungen und charakterliche Schwächen der Leipziger, sondern auch auf das wissenschaftstheoretisch-methodische Grundverständnis von Soziologie, das nicht nur bei Freyer geisteswissenschaftlich-rechtshegelianisch geprägt ist.

Nachkriegszeit und SED-Herrschaft (1945-1989)

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wurde in Leipzig kein soziologisches Institut wiedereröffnet. Das hing nicht nur mit der Tätigkeit Freyers im nationalsozialistischen Deutschland zusammen (Freyer selbst lehrte bis zu seiner, durch einen kritischen Aufsatz von Georg Lukács ausgelösten, Entlassung im Jahr 1948 zunächst wieder Soziologie in Leipzig), sondern vor allem auch damit, dass in der sowjetischen Besatzungszone bzw. der 1949 gegründeten DDR erneut eine ideologische Steuerung und „Gleichschaltung“ der Wissenschaften stattfand – dieses Mal aus der Perspektive eines an der Sowjetunion ausgerichteten orthodoxen Marxismus-Leninismus. Nicht nur wurde der Soziologie als „bürgerlicher Wissenschaft“ eine eigenständige Existenzberechtigung abgesprochen, sondern es wurden auch weniger linientreue Wissenschaftler, die sich dem marxistischen Spektrum zurechneten, in die Emigration getrieben (an der Universität Leipzig betraf dies – um nur zwei prominente Fälle herauszugreifen – den Sozialphilosophen Ernst Bloch und den Literaturwissenschaftler Hans Mayer). Dennoch versuchten einzelne Wissenschaftler verschiedener Disziplinen (u.a. Philosophen, Ökonomen und Historiker) oftmals unter Anfeindungen und persönlichen Opfern Soziologie, insbesondere auch empirische Forschung, an den Universitäten der DDR zu etablieren. Ihnen ist es zu verdanken, dass ab 1964 mit Soziologie befasste Institutionen an akademischen Einrichtungen entstanden.

An der Leipziger Universität ist diese Phase mit dem Namen Robert Schulz (1914-2000) verbunden. Unter seiner Leitung wurde 1965 eine selbständige Abteilung Soziologie innerhalb der Philosophischen Fakultät gegründet. Alice Kahl (geb. 1930) und Herbert F. Wolf (1927-1993) prägten seit den siebziger Jahren als Dozenten und Hochschullehrer die Ausrichtung der empirischen Forschung in der Soziologie – Kahl vor allem in der Stadtsoziologie, Wolf in der Industriesoziologie.

Soziologie konnte auch wieder als akademisches Lehrfach etabliert werden – zuerst als postgraduales Zusatzstudium für Hochschulabsolventen, später als eine Art Nebenfach im Rahmen der Philosophieausbildung. Mit Beginn der siebziger Jahre gehörte die als „Karl-Marx-Universität“ bezeichnete Leipziger Hochschule dann auch zu einer der drei DDR-Universitäten, die Diplomsoziologen ausbildeten. Alternativ zur Martin-Luther-Universität Halle wurden entsprechend zentraler staatlicher Vorgaben alle zwei Jahre 20 Studenten immatrikuliert. Diese Zahl sank nach 1982 auf kaum mehr als 10 Studenten. Die stark anwendungsbezogene und deskriptive empirische Forschung widmete sich industriesoziologischen Themen, später kamen stadt- und wohnsoziologische Fragestellungen sowie Sozialindikatoren hinzu. In diesen Arbeiten wurden teilweise auch Befunde dokumentiert, die auf eine Diskrepanz zwischen sozialistischem Anspruch und Realität verweisen. Die relative Eigenständigkeit war aber nur von kurzer Dauer. Mit der III. Hochschulreform 1968 und der damit verbundenen Auflösung traditioneller Institute wurde die Abteilung Soziologie der Sektion „Marxistisch-leninistische Philosophie“ und ab 1981 dann der Sektion „Wissenschaftlicher Kommunismus“ zugeordnet. Welche Bedeutung diese Zuordnung hatte, konnte man an den Namen erkennen: Der Begriff Soziologie kam nicht mehr vor, innerhalb der Sektion war man ein Wissenschaftsbereich unter mehreren.

Mit dem Herbst 1989 wendeten sich auch die Randbedingungen für das Fach. Einerseits änderte die Sektion ihren Namen in Politikwissenschaft und Soziologie, die Beschränkung der Zulassungszahlen wurde gelockert, es konnten jährlich Studierende immatrikuliert werden, Forschungsthemen waren nun frei wählbar. Andererseits begann im Dezember 1990 die von der Sächsischen Staatsregierung verfügte „Abwicklung“. Einrichtungen und Disziplinen, die als besonders systemnah galten, wurden aufgelöst, wovon auch die Soziologie betroffen war.

Neustart und Konsolidierung nach der „Wende“ (1990 bis heute)

Wie in anderen abgewickelten Disziplinen nahm eine Gründungskommission für Soziologie die Arbeit auf. Sie sah es als ihr Ziel an, am Standort Leipzig Bedingungen für Forschung und Lehre zu schaffen, die eine international üblichen Standards entsprechende qualitativ gute Arbeit ermöglichen. Dazu waren Studieninhalte und Studienverlauf im neu zu gründenden Institut in Leipzig so festzulegen und zu institutionalisieren, dass ein konkurrenzfähiger Diplomstudiengang angeboten werden konnte. Zusätzlich wurde ein Magisterstudiengang im Haupt- und Nebenfach eingerichtet. Dies sollte mit einer entsprechenden sächlichen und personellen Ausstattung verbunden sein, um sowohl in der entstehenden gesamtdeutschen Wissenschaftslandschaft bestehen zu können als auch eine methodisch-empirisch und theoretisch breite und vertiefte Ausbildung zu garantieren. Mit dieser Periode der Leipziger Soziologiegeschichte sind die Namen der Heidelberger Soziologen M. Rainer Lepsius (1928-2014) und Wolfgang Schluchter aufs Engste verbunden. Während Lepsius an der „Gründung der Gründungskommission“ entscheidend beteiligt war und deren Zusammensetzung maßgeblich mitbestimmte, war Schluchter als Gründungsdirektor entscheidender Akteur und Weichensteller in dieser Periode des Übergangs. Schluchter hat in der Umbruchphase selbst Vorlesungen in Leipzig gehalten und dafür gesorgt, dass renommierte Fachkollegen aus dem In- und Ausland weitere Vorlesungen und Kurse anbieten konnten. In die dreizehn Mitglieder umfassende (sieben Hochschullehrer, drei Mittelbauangehörige, drei Studierende) Gründungskommission wurden international erfahrene und angesehene Soziologen bestellt, die eine klare Neuausrichtung und Profilbildung des Instituts im Sinn einer theoriegeleiteten empirischen Forschung in wichtigen Kernbereichen des Fachs anstrebten. Damit verbunden war eine starke Betonung empirischer Forschungsmethoden, besonders der „quantitativen“ Methoden der schließenden Statistik. Dies bedeutete auch eine radikale Kehrtwende im Vergleich zu der geisteswissenschaftlichen und rechtskonservativ-kulturkritischen Vorstellungswelt der Freyer-Schule – und selbstredend eine Abkehr von marxistisch-leninistischer Parteilichkeit. Allerdings konnte an einzelne Gesichtspunkte der in der DDR-Periode gepflegten empirischen Forschungslinien und der damit verbundenen methodischen Ausrichtung angeknüpft werden.

Unter Leitung Schluchters wurden die wichtigsten Gründungsdokumente (Strukturplan, Studien- und Prüfungsordnung) zügig ausgearbeitet, so dass bereits im Sommer 1991 die erste Ausschreibung für die drei vorgesehenen C4-Lehrstühle erfolgen konnte. Mit der letzten C3-Berufung 1994 war der institutionelle Neuaufbau endgültig abgeschlossen. Die erste Kohorte von Hochschullehrern bestand – in der zeitlichen Reihenfolge ihrer Berufung – aus den Lehrstuhlinhabern Thomas Voss (Soziologie mit Schwerpunkt Theorie und Theoriegeschichte), Georg Vobruba (Soziologie mit Schwerpunkt Sozialpolitik) und Karl-Dieter Opp (Soziologie und Methodenlehre). Mit der Berufung Karl-Dieter Opps gelang es, einen international bekannten, vielseitig produktiven und erfahrenen empirischen Forscher für Leipzig zu gewinnen, der zudem bereits in Leipzig – von seiner früheren Wirkungsstätte in Hamburg aus – ein größeres empirisches Forschungsprojekt über die Volkseigene Revolution – so der Titel einer Buchveröffentlichung [mit Peter Voß] über die Leipziger Montagsdemonstrationen – durchgeführt hatte. Auf C3-Professuren wurden Kurt Mühler (Schwerpunkt Sozialisation und Interaktion), Helena Flam (Schwerpunkt Markt und Organisation) und Johannes Huinink (Schwerpunkt Vergleichende Analyse von Gegenwartsgesellschaften) berufen. Als weitere Wissenschaftler waren in der ersten Kohorte die Hochschullehrer Steffen Wilsdorf und Rolf Ludwig vertreten, die für die Ausbildung in den Methoden empirischer Sozialforschung und in angewandter Statistik zuständig waren. Regina Metze wurden Aufgaben im Bereich der Wirtschafts- und Techniksoziologie sowie in der Organisation der Lehre und des Prüfungsauschusses übertragen. Sie war maßgeblich an der Umsetzung und Anpassung der Studienpläne der Gründungskommission und später der Einführung und Implementierung der neuen gestuften Bachelor- und Masterstudiengänge beteiligt.

Am Rande sei bemerkt, dass an der Universität Leipzig Soziologie auch in anderen Instituten und Fakultäten – jeweils mit spezialisierter Ausrichtung – etabliert wurde. Am Institut für Kulturwissenschaft wurde Jürgen Gerhards 1994 auf einen Lehrstuhl für Kultursoziologie berufen, in der Theologischen Fakultät vertrat Detlef Pollack am Institut für Praktische Theologie das Gebiet der Religionssoziologie. Gegenwärtig wird Kultursoziologie von Monika Wohlrab-Sahr, Religionssoziologie von Gerd Pickel gelehrt.

Das neugegründete Institut für Soziologie war räumlich zunächst untergebracht in der 12. Etage des Universitätshochhauses am Augustusplatz, das allerdings Mitte der 1990er Jahre an ein privates Unternehmen verkauft und für eine erforderliche Generalsanierung geräumt wurde. Nach einer Interimsunterbringung in der Burgstr. 9 befindet es sich seit 2002 im neu errichteten sogenannten „Geisteswissenschaftlichen Zentrum“ (GWZ) in der Beethovenstr. 15. Das Institut ist Teil der Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie. In den frühen 1990er Jahren diskutierte alternative Fakultätszugehörigkeiten (insbesondere im Verbund mit der Psychologie oder den Wirtschaftswissenschaften) wurden nicht realisiert.

Inzwischen sind am Institut aus der ersten Kohorte von Hochschullehrern noch Flam, Mühler und Voss aktiv tätig, Opp und Vobruba bieten als Emeriti regelmäßig einzelne Lehrveranstaltungen an. Der Lehrstuhl Soziologie und Methodenlehre wird seit 2011 von Roger Berger, eine zweite W3-Professur (Soziologie mit Schwerpunkt Institutionen und sozialer Wandel) seit 2014 von Holger Lengfeld geleitet. Inhaber der Professur für Vergleichende Analyse von Gegenwartsgesellschaften ist seit 2011 Thorsten Schneider.

Die in wesentlichen Elementen noch durch die Gründungskommission geplanten Studiengänge, insbesondere auch der Diplomstudiengang, haben sich bewährt. Eine Reihe früherer Absolventinnen und Absolventen hat erfolgreiche und vielversprechende Karrieren insbesondere im akademischen Bereich im In- und Ausland erreicht. Mit der auch an der Universität Leipzig durchgesetzten Bologna-Reform wurden diese Studiengänge jedoch durch gestufte Studiengänge abgelöst. Seit dem Wintersemester 2006/2007 konnte man an der Universität Leipzig das Fach Soziologie im Rahmen eines Bachelorstudienganges „Sozialwissenschaften und Philosophie“ mit Soziologie als Kernfach studieren. Dieser Studiengang konnte in der Ausbildungsqualität, insbesondere in den zentralen Bereichen der Theorie und Methoden der Soziologie, im Vergleich zum aufgegebenen Diplomstudiengang nicht in jeder Hinsicht überzeugen. Seit dem Wintersemester 2013/2014 kann man an der Universität Leipzig das Fach im Rahmen des Bachelorstudienganges „Soziologie“ und im Wahlbereich anderer Bachelor-Studiengänge der Universität Leipzig studieren. Der neu eingeführte Studiengang umfasst im Kernfach höhere spezifisch soziologische Lehranteile, darunter auch erste forschungspraktische Übungen im Bereich der empirischen Methoden in Gestalt eines zweisemestrigen Seminars. Mit dem Wintersemester 2009/2010 wurde ein 4-semestriger forschungsorientierter Masterstudiengang eingeführt.